Wem gebührt sie, die Ehre der Entdeckung Amerikas?

Gepostet am 10. Januar 2013 in Entdeckungen der Weltgeschichte | Keine Kommentare

Benannt nach Amerigo Vespucci, der den Kontinent 1507 erstmals als solchen erkannte, gilt Amerika heute als Schmelztiegel der Kulturen. Zurecht, denn was die Besiedelung des Kontinentes anbelangt, taten sich im Laufe der Jahrtausende gleich mehrere Völker geschichtlich hervor. Zwar wird die Entdeckung Amerikas in der Neuzeit dem Seefahrer Christoph Kolumbus zugeschrieben, allerdings stach dieser 1492 eigentlich in See, um eine Westpassage durch den Atlantik nach Indien zu finden, und stieß dabei eher zufällig auf die Karibik. Und obwohl der Italiener und sein Landsmann Giovanni Caboto gemeinhin als Paten der weiteren Erschließung Amerikas gelten, bleibt umstritten, ob ihnen der alleinige Ruhm für die Erkundung der neuen Welt auch tatsächlich zusteht.

amerikaFakt ist, dass der erste Europäer an den Küsten Amerikas nicht italienischer sondern isländischer Herkunft war. Beweise hierfür liefern zwei der bekanntesten Werke isländischer Sagenliteratur: die Grænlendinga saga (Saga von den Grönländern) und der Eiríks saga rauða (Saga von Erik dem Roten). Gemeinsam bilden diese beiden altertümlichen Dokumente die Vinland-Sagas, welche von Historikern nachweislich als kompakteste Quellen für Informationen zur Besiedelung Nordamerikas, insbesondere Grönlands, durch die Skandinavier anerkannt werden. Laut Überlieferung geht hier die erste europäische Sichtung der amerikanischen Landmasse auf Bjarni Herjólfsson zurück, der während seiner Suche nach Grönland die nordamerikanische Küste entdeckte, sie jedoch nicht weiter erforschte. Erst der Skandinavier Leif Eriksson soll 1000 n. Chr. auf seiner Rückreise von Norwegen nach Grönland die Küste Nordamerikas abermals entdeckt und im Anschluss mit seiner Mannschaft betreten und erkundet haben. Zu dieser Zeit entstanden auch die Begriffe Helluland, Markland und Vinland als erste europäische Bezeichnungen für die Küstengebiete im Norden.

kolumbussaeule_barcelonaWer nun aber glaubt, am Ursprung der Geschichte um Landnahme des amerikanischen Kontinentes angelangt zu sein, der irrt. Denn der jüngste Stand der Forschungen bestätigt, dass die eigentliche Besiedelung Amerikas schon vor gut 12.000 bis 15.000 Jahren geschah. Es waren Bewohner Nordostasiens, die über die Behringstraße nach Amerika gelangten, sich dort nieder ließen, und somit als direkte Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner gelten. All diese Tatsachen machen aus der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus allenfalls eine neuzeitliche Wiederentdeckung und lassen herbe Zweifel an dem Vorreiterstatus der mittel- und südeuropäischen Seefahrt aufkommen.

Damit nicht genug, deuten zahlreiche Indizien darauf hin, dass lange vor der Ära europäischer Seefahrt bereits die Flotten des chinesischen Kaiserreiches, des alten Ägyptens und des mittelalterlichen Königreiches Mali zumindest theoretisch dazu in der Lage waren, Expeditionen und Handelsschiffe nach Amerika zu entsenden. Selbst Aristoteles liefert Hinweise, denen zufolge schon die Phönizier mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt auf eine “größere Landmasse jenseits der Säulen des Herakles” gestoßen seien.

Allem Anschein nach nehmen die Mittel- und Südeuropäer die großen Entdeckungen der Weltgeschichte gerne für sich in Anspruch, wenn es um die Sternstunden der nautischen Erschließung unserer Welt geht. Zumal gerade das Zeitalter europäischer Seefahrt mit dem Beginn der Kolonialzeit und des damit verbundenen, transatlantischen Sklavenhandels ein eher dunkles Kapitel in der Menschheitsgeschichte aufschlug. Zollt man der Wahrheit Respekt, sollten sich vielmehr die Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner rühmen, Amerika entdeckt und besiedelt zu haben und nicht etwa einstige, europäische Kolonialmächte.

Azkisha

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